KUH+DU

Wie ich anfing, mir über Milch Gedanken zu machen

Ein Erfahrungsbericht von Lisa Mair, Praktikantin bei der Welttierschutzgesellschaft.

Mit 20 Jahren war es endlich so weit: Raus aus dem Kinderzimmer und rein in die Großstadt! Ich freute mich sehr auf mein neues, eigenständiges Studentenleben. Auch das Einkaufen im Supermarkt war neu für mich. Auf einmal war es meine eigene Entscheidung, was in meiner Einkaufstasche landet und was nicht. Am Anfang wählte ich meist das aus, was günstig und leicht zuzubereiten war. Irgendwann entdeckte ich im REWE gegenüber einen Soja-Bananendrink, den ich sehr lecker fand. Das war mein erstes Experiment mit alternativen „Milch-Sorten“. Eine weitere Besonderheit meines neuen Lebens in der Großstadt war, dass ich endlich einen eigenen Internetanschluss hatte. Ich konnte also surfen, wann immer ich Lust hatte. Damals war StudiVZ der neue Hype, bei dem ich gerne mitmachte und die vielfältigen Gruppen, die sich dort bildeten, nutzte. Zum ersten Mal in meinem Leben kam ich über das Netz mit Vegetariern und Veganern in Kontakt. Der Austausch mit ihnen regte mich zum intensiven Nachdenken über mein Essverhalten an, und ich begann, einiges in Frage zu stellen. Veganer, die ich ein paar Jahre zuvor noch völlig abstrus fand, konnte ich auf einmal verstehen. Diese Leute wollen einfach nicht die grausame Ausbeutung der Massentierhaltung unterstützen. Da fasste ich den Entschluss, Vegetarierin zu werden. Nach ein paar Anfangsschwierigkeiten – Rindsrouladen verführten mich an Weihnachten – gelang mir das schließlich auch. Eigentlich war mir ja auch schon immer klar, dass ich nie ein Tier töten könnte und deshalb auch keines essen sollte. Als Teenager konnte ich das aber verdrängen – aus Faulheit und Gaumenfreude ließ ich mir bereitwillig alles von meinen Eltern auftischen. Erst als ich selbst über den Inhalt meines Kühlschranks bestimmen konnte und mich mit anderen Menschen über solche Themen auszutauschen begann, war ich bereit, meine Ernährungsweise zu überdenken und zu ändern.

Als Kind verbrachte ich meine Ferien einmal auf dem Bauernhof. Dort spielte ich den ganzen Tag mit einem Kälbchen, das eingesperrt in einer kleinen Box stand. Es saugte die ganze Zeit wie verrückt an meiner Faust. Ich fand das entzückend, denn als Kind war mir nicht bewusst, dass das Kälbchen seiner Mutter weggenommen wurde und eigentlich am Euter saugen wollte. Der Milch-Bauer erlaubte mir, dem Kälbchen einen Namen zu geben. Ich taufte sie Lotta. Oft frage ich mich, wie es Lotta wohl heute geht oder ob sie überhaupt noch lebt. Denn die meisten Milchkühe leben aufgrund der extremen Milchleistung, die sie erbringen müssen, ja leider nicht mal halb so lang, wie es ihre Natur erlauben würde.

Trotz meiner bleibenden Erinnerung an Lotta konsumierte ich als „erwachsene“ Studentin weiterhin herkömmliche Milchprodukte, was wahrscheinlich wieder auf meine Verdrängungskünste zurückzuführen war. Damals lernte Patrick, mein Mitbewohner, seine jetzige Frau Bibi kennen. Sie war Veganerin. Ich war sofort fasziniert von ihr und wollte alles über ihren Lebensstil wissen. Obwohl ich ihren Weg für richtig hielt, wusste ich dennoch, dass ich für diese Ernährungsform nicht gemacht bin. Ich liebte Käse – auch heute noch – und wollte nicht darauf verzichten. Auch ein Sonntagsfrühstück ohne Ei konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Bio-Produkte waren mir fremd und ich dachte mir: „Ich bin Studentin und kann mir das noch nicht leisten.“

Auch jetzt noch bin ich Studentin – mittlerweile im Master – und zahle gerne ein paar Cent mehr für Bio- oder Dinkelmilch und Bio-Käse. Heute weiß ich, dass der höhere Preis nur eine Ausrede war, um weiter bequem alles in die Einkaufstasche werfen zu können, was im Supermarktregal angeboten wird. Dabei ist es überhaupt nicht schwer, auf kuhfreundlichere Produkte zu achten: Denn Bio-Milch und -Käse, die mit anerkannten Bio-Siegeln versehen sind, gibt es in allen größeren Supermärkten wie z. B. REWE oder Kaufland. Dabei achte ich vor allem auch auf Siegel der privaten Anbauverbände (Bioland, Naturland, Demeter), da diese noch mehr tierschutzrelevante Vorgaben zur Haltung als das staatliche Bio-Siegel oder das EU-Bio-Logo haben.

Gutes Essen ohne Tierleid hat für mich einen sehr hohen Stellenwert bekommen, und ich gehe heutzutage viel bewusster einkaufen. Der Preis spielt dabei keine Rolle mehr für mich, denn das Wohlbefinden der Tiere und meine Gesundheit sind mir wichtiger. Dafür kaufe ich mir lieber ein T-Shirt weniger, verzichte auf neue Elektrogeräte oder nutze Secondhandshops. Teure Strandurlaube brauche ich auch nicht, ich fahre stattdessen zum Entspannen lieber mal in den Odenwald oder ins Allgäu. So wurde ich von der Tierschützerin auch gleichzeitig zur Umweltschützerin.